Gewinnausschüttung an wen? Meine Gedanken zu #Holocracy vs. #shareholdervalue

Mit einer kapitalistischen Grundausbildung von St. Gallen im Rucksack ist die Frage der Gewinnausschüttung relativ schnell beantwortet. Pflichtteil in die Reserven, Bonus an die Leistungsträger, Löwenteil an die Shareholder. Ebenso schnell beantwortet ist die Frage, wenn man sein/e startups mit Venture capital finanziert hat.

Bei genauerer Betrachtung – insb. mit meiner immer stärker werdender Kritik ggü dem Kapitalismus, Globalisierung und Konzernen – ist die Gewinnausschüttung ein komplexes Thema. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich meine Gedanken mit Euch teilen, denn ich werde zum ersten Mal einen Gewinn ausweisen in einer meiner Firmen/startups. (Background hier)

3 Fragen stehen im Zentrum

Warum überhaupt einen Gewinn ausschütten?

Wem ist der Erfolg zu verdanken?

Welche Rolle habe ich als Gründer und Inhaber?

Warum Gewinn ausweisen/ ausschütten?

Als expandierendes, investierendes und produzierdes Gewerbe (dade-design.com) ist es relativ einfach, Gewinne verschwinden zu lassen. (Abschreibungen, angefange Arbeiten, Produktentwicklungen nicht kapitalisieren, etc etc)

Warum also einen Gewinn ausschütten (wir haben etwa 5% Umsatzrendite), wenn man selber satt ist (ich kann nur 1 Kotelett am Tag essen, mein Gehalt beträgt 7000chf brutto/mt) und das Unternehmen besitzt? (Ich habe keine Million am Konto oder der Pensionskasse)

Ich habe mich aus 3 Gründen dafür entschieden. a) Es ist nicht fair den hart arbeitenden Mitarbeitern ggü b) es macht ein anderes Selbstbewusstein für eine Firma zu arbeiten (oder Aufträge zu vergeben) die Gewinne macht c) weil es das Eintrittsticket für Fremdfinanzierung von Banken ist. (wir wachsen jährlich ca 40%… zB die Debitoren vorzufinanzieren ist eine pain)

Wem ist der Erfolg zu verdanken?

Ja, am Anfang war es hart. Es gibt meine Unternehmen nur wegen mir – meiner Idee, Kraft, Leidensfähigkeit und Mut/Risiko. (Der Hauptgrund warum es 90% der startups nicht schaffen)

Doch… aus dem kleinen ich ist ein ganzes Ensemble geworden (derzeit 33 Mitarbeiter in 4 Firmen) – wir arbeiten in vielen Belangen nach den Holocracy Prinzipien. (mehr über unsere Arbeitsweise hier)

Es ist das Team #teamistalles das die Leistungen erbringt, das wöchentlich mit Verbesserungen und Ideen kommt, das täglich hart arbeitet. Ohne Team ist alles nichts, oder mein Lieblibgszitat:

“80% von meinem Firmenkapital geht am Abend nachhause”

…darum nerven mich auch die ganzen heroischen und narzistischen Gründergeschichten sowie die Herren Zuckerberg, Musk & Co.

Es ist also Team. Mein Vater fragte mich: Und dein Lohn für die Sorgen, Risiko und jahrelang unbezahlte Arbeit?

-> Es ist der Substanzwert vom Unternehmen. Und die Mitarbeiter arbeiten ja schliesslich nicht, um mich reich zu machen sondern um sich und ihre Familien zu ernähren, an der gemeinsamen Vision zu arbeiten und in einer guten Gemeinschaft 8 std am Tag zu verbringen.

Welche Rolle habe ich als Gründer und Inhaber?

In einem Team gibt es verschiedene Funktionen. Im Kapitalismus sind die Rollen der CEOs, Strategen, CFOs und Verkäufer besser bezahlt als die der Produktion, HR oder Marketing. Auch verdient ein Zahnchirurg das 5fache von einem Feinmechaniker, eine Konzernfolienschleuder das doppelte von ein KMU CEO, usw…ihr versteht.

Nur… Was ist ein geniales Betondesign Projekt ohne den Mann in der Produktion am Cement Mischer? …die Diversity Beratung ohne die Analystin? … oder das Grossprojekt ohne die Verkäuferin?

Ich stelle mich auf den Standpunkt, dass jede Mitarbeiterin und Mitarbeiter gleich viel “Wert” ist und hat. Es gibt lediglich einen Unterschied zwischen denen, die einen guten Job machen (und überstunden mit +30% ausbezahlt bekommen) und denen, die die extra Meile gehen. Die da sind wenn es brennt. Die den Karren ziehen.

Wie also verteilen?

Die letztgenannten beteilige ich grosszügig mit je 3% am EBITDA.

Den EBIT verteile ich mit folgender Formel:

50% in die Reserven für rainy days

Der Rest (50%) geht an die Mitarbeiter, Aktionäre und Gemeinwohl.

– Aktienkapital wird mit 2% verzinst

– Rest an Mitarbeiter und Spende im Verhältnis 80/20. Die Allokation auf Mitarbeiter erfolgt nach Lohnprozenten (wir haben viele Teilzeitler), wobei die Verkäufer ausgeschlossen sind da diese variable Arbeitsverträge haben.

Von individuellen Personalbeurteilungen und Boni halte ich nichts – wir haben erwachsene Mitarbeiter und keine Schüler die Noten bekommen.

Zudem, wie bereits ausgeführt ist es das Team. Individuelle Boni würden das vernichten.

Die Spendenempfänger bestimmt das Team.

Wieso nur 2% an Aktionäre?

Meine Vorbilder sind Bronners (Seife) und Patagonia. (Beides sind certified B companys in US). Diese verteilen den Gewinn jeweils 33/33/33… Reserve, Mitarbeiter, Spende

Ich bin aber der Meinung, dass das Aktienkapital verzinst gehört. Die Gretchenfrage ist wie hoch?…

Weil genug niemals genug ist,

sind die Renditen die letzten 20 Jahre explodiert und niemand interessiert sich ernsthaft für Substanz und Nachhaltigkeit sondern lediglich für den nächsten Quartalsabschluss. Nimmt man aber die Dividendstocks, so sind 3-5% die Stars. Ich bleibe am unteren Ende. Zudem haben die Aktionäre ja den (steuerfreien) Substanzgewinn.

Ich finde ganz allgemein, dass die Rolle des Kapitals völlig überbewertet ist. Es gibt keine Kapitalknappheit.

Zudem möchte ich für zukünftige allfällige Investoren eine transparente Ausgangslage schaffen.

Wieso spenden?

Ich finde, dass einem Unternehmen auch eine soziale Verantwortung zukommt. Diese beinhaltet Chancen für Mitarbeiter, die es anderswo vielleicht schwierig hätten. Weiters nehmen wir unsere Verantwortung für die Gesellschaft wahr, indem wir wo es geht lokal einkaufen und umweltverträgliche Materialien verwenden. Zudem produziert das Betonwerk CO2 neutral. Mit diesen Werten ist es für mich schlüssig, von der Ausschüttung auch einen Teil zu spenden. Auch wenn das nicht alle Mitarbeiter gut finden (es gibt für jeden 20% weniger), es setzt ein Zeichen. Wir sind ja schliesslich keine Banker.

Work in progress

Wie ausgeführt ist es das erste Mal, dass wir Gewinn ausschütten. Wir werden lernen, was dieses Modell bewirkt und ob/wie es verbessert werden muss. Eure Meinungen interessieren mich – ich bin gespannt auf die Feedbacks und ob da draussen noch andere so denken und das kapitalistische game in ihren Betrieben ändern.